Die Musik war schuld (UA)

„Die Musik war schuld. Er hörte das Musikstück, eine arme Melodie von geringer Erfindung, in einem Konzert- und Biergarten. Da fühlte er sich verloren. Er lauschte den Klängen. Seine Seele schmolz.“ (Hermann Kesten) In ihrem Liederabend begeben sich Regisseurin Selen Kara und Liedermacherin Vera Mohrs gemeinsam mit dem Schauspiel-Ensemble auf eine Suche in die musikalischen Tiefen der Stadt Nürnberg: nach Liedern und Geschichten, die über Zeiten hinweg die Atmosphäre einer Stadt prägen. An diesem Abend kommt zum Klingen, was uns als Neulingen an diesem Ort begegnet. Etwa das „Ehekarussell“ mit seinen eindrücklichen Gestalten, die ihre stummen Szenen spielen und dabei warme und eisige Lieder über die Liebe heraufbeschwören. Darunter, in der U-Bahn-Station Weißer Turm, deren Belüftungsschacht der Brunnen ursprünglich verdecken sollte, sitzt Waldemar Graser und verkauft den Straßenkreuzer. Nebenbei schreibt er wunderbare Haikus, dicht, humorvoll, zuweilen voller amüsanter Sprachspiele, aus seiner ganz eigenen Perspektive auf die Stadt. Dann ist da Hermann Kesten, dessen lakonische Erzählungen über das Schicksal unterschiedlichster Liebespaare der intensiven Bildsprache des Ehekarussells in nichts nachstehen und dessen rhythmisch-musikalische Sprache nur darauf wartet, vertont zu werden. Als „heimatloser Weltbürger“ im Café erzählt er von der zwiespältigen Liebe zu Nürnberg, der Stadt seiner Jugend, und wirft dabei immer wieder die Frage auf, was „Heimat“ eigentlich bedeutet. Da ist der Bildhauer Jürgen Weber, der in den 80ern den Bau des umstrittenen „Ehekarussells“ auch zur Verarbeitung seines eigenen Scheidungsdramas nutzte und dessen streitbarer Geist noch immer um das Kunstwerk zu kreisen scheint. Seine Inspiration für den Brunnen wiederum war das Gedicht „Das bittersüße eh'lich Leben“ von Hans Sachs, der in der Mitte des Platzes thront: als Urvater aller Liedermacher. Und „Meistersinger“, wie dessen Walther von Stolzing, der die Herzen der Frauen zu erobern weiß, gibt es hier noch viele weitere. Pachelbels Kanon jedenfalls ist bis heute als Harmonieschema in unzähligen Popsongs lebendig, und irgendwo im Hintergrund hören wir den pubertierenden Rio Reiser im Chor des Melanchthon-Gymnasiums seine Knabenstimme trainieren. All sie, die Gesichter wie die Unsichtbaren der Stadt, die historischen und gegenwärtigen, fiktiven und realen Figuren, laden wir auf unsere Bühne ein, um uns ein Lied von sich zu singen. „neonlicht fiebrig / auf kalten großstadtstraßen / wie finde ich heim.“ (Waldemar Graser)