Norma

Es ist das Meisterwerk von Vincenzo Bellini, und er selbst hielt sie für „die beste seiner Opern“: „Norma“ von 1831. Dass sich vor allem die großen Sängerinnen von diesem Werk herausgefordert fühlen, hängt zweifelsohne mit der musikalischen und gestalterischen Komplexität der Titelfigur zusammen: Ist Norma doch zerrissen zwischen politischer Aufgabe, religiöser Überzeugung, angenommener Mutterrolle und enttäuschter Liebe. Das war nicht nur seinerzeit im höchsten Sinne „romantisch“, sondern liest sich auch heute noch wie das Drama einer modernen Frau.
Gewandet wird die Geschichte historisch: Während den Galliern die Eroberung durch die Römer droht, plant das Volk einen Aufstand und befragt die Hohepriesterin Norma nach den Chancen des Widerstands. Aber Norma ist befangen, denn sie unterhält eine heimliche Beziehung zu dem römischen Konsul Pollione. Ihre beiden Kinder leben versteckt. Als Norma zudem entdecken muss, dass Pollione eine Liaison mit der jüngeren Priesterin Adalgisa hat, kennt ihre Verzweiflung keine Grenzen. Mordgedanken durchfluten sie, bis ihre Schuldgefühle überwiegen. Sie steigt auf den Scheiterhaufen, den sie eigentlich für Adalgisa errichtet hatte.
Und Pollione? Am Ende geht er mit Norma auf den Scheiterhaufen. Er scheint begriffen zu haben, dass das Leben auf Dauer keine Unverbindlichkeiten zulässt und jede Rechnung irgendwann bezahlt werden muss. Das ist der spannendste Aspekt an „Norma“: dass sie Menschen zeigt, die angesichts einer unauflösbar tragischen Situation zu echter Größe finden. Es ist zwar vieles zu Bruch gegangen im Laufe der Tragödie, doch die Idee von Humanität und Moral ist gerettet.
Vincenzo Bellini hat viel Sorgfalt darauf verwendet, eine spannende Handlung, ein gutes Libretto zu finden. In Felice Romani hatte er einen idealen Partner, der bereit war, an seinen Versen bis zum Schluss zu feilen. So setzt „Norma“ nicht auf äußere Theatereffekte, sondern auf das innere Drama der Figuren und das Aufeinandertreffen ihrer Leidenschaften, die Bellini in seine melodienreiche Musik fasst. Wenn man Belcanto versteht als Kunst, mit den Mitteln der menschlichen Stimme, feinste Gefühlsregungen hörbar zu machen, dann ist „Norma“ sicherlich ein Paradebeispiel dafür. Mit der berühmten Arie „Casta Diva“ verbindet sich der Höhepunkt belcantistischen Könnens und musikdramatischer Rührung. Wie schrieb Bellini? „Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.“
Die Inszenierung des international gefragten französischen Regisseurs Stéphane Braunschweig greift Bellinis feine Psychologisierung auf und entfaltet im behutsam modernisierten Ambiente die tragische Kraft des spannungsgeladenen Konflikts.